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Antiquariat am Mehlsack
Dr. Andreas Kleemann, Ravensburg


Wie sind sie Antiquar geworden – war das schon immer ihr Traumberuf?

Also ich denke nicht, dass das ein „Traumberuf“ im klassischen Sinne ist. Als Kind oder Jugendlicher will man ja alles Mögliche werden, aber der Berufswunsch „Antiquar“ gehört sicher nicht dazu. Ich würde mir ehrlich gesagt auch Sorgen machen, wenn man älterer Sohn das jetzt als Berufswunsch äußern würde – obwohl er sehr gerne mit mir im Ladengeschäft ist. Ich denke manchmal, der wird sich später mal sicher gerne an diese Zeit mit seinem Dad erinnern. Aber zurück zu ihrer Frage: Ja und nein. Ich hatte meiner Frau vor zwölf Jahren schon gesagt, dass ich als Büchernarr später im „Vorruhestand“ (was für ein wahnwitziges Wort ist das eigentlich?) mal ein Antiquariat eröffnen möchte. Da arbeitete ich noch als Nachrichtensprecher in München.

Wir zogen dann nach Ravensburg, und ich hatte mich dort mit einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit selbständig gemacht. Dieses Geschäft lief in der Krise 2001/02 immer schlechter. Da fragte mich meine Frau, als wir an einem winzigen leeren Ladengeschäft in der Marktstraße in Ravensburg vorbeibummelten, warum ich eigentlich nicht jetzt schon mein Antiquariat eröffnen würde – hier sei doch ein Laden frei. Zu dieser Zeit verkaufte ich nebenberuflich online schon erfolgreich Bücher. Es waren ja um das Jahr 2000 die frühen „goldenen Zeiten“ des beginnenden online-Antiquariats-Buchhandels, da hatte man als Neugründer in diesem Geschäft noch einen Startvorteil - die wilden Zeiten von „justbooks.de“. Ist ja nun alles Geschichte.

So eröffnete ich also Anfang 2003 in einem winzigen, 25 qm kleinen Laden das „Humpis-Antiquariat“. Und das Buchgeschäft gewann dann schnell Eigendynamik, es lief jedes Jahr besser. Das war aber nur möglich, weil meine Frau mich nicht nur motivierte, sondern auch finanziell unterstützte, ihr Job gab das her. Dass aus meinem Traum dann vorgezogene Lebensrealität wurde, habe ich ihr zu verdanken. Dafür habe ich mich einige Jahre später dann auch bei ihr revanchiert.

Inwiefern? Wie meinen Sie das genau?

Als sich 2008 abzeichnete, dass meine Frau eine berufliche Chance in Indien bekommen würde, hat sich mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, meinen Beruf für zwei oder drei Jahre zu unterbrechen und mit der Familie nach Indien zu gehen. Mittlerweile hatten wir zwei kleine Söhne bekommen, und aus dem Paar mit Hund war eine Familie mit Kleinkindern geworden. Und das war dann eine der härtesten Entscheidungen überhaupt, die ich je zu treffen hatte. Schließlich lief mein „Antiquariat am Mehlsack“ mittlerweile richtig gut, der Beruf machte Spaß, man war sozial anerkannt. Und wir hatten ein Haus gekauft auf dem Land. Also das gibt man nicht leichtfertig auf. Als ich aber merkte, dass Indien „ihr Traum“ war, habe ich eingelenkt: Quid pro quo, das gilt für jede gute Ehe. Zumal wir beide uns zumindest in dem Punkt einig waren, dass es für die Kinder eine tolle Chance ist, eine Zeit lang in einem der spannendsten Länder der Welt zu leben. Und wir kannten Indien ja bereits ganz gut von früher. Ich war mehrmals länger dort, habe promoviert über ein Indien-Thema, sie hatte ein halbes Jahr in Bangalore studiert.

Also habe ich Ende März 2008 zugemacht. Leergeräumt. Die meisten Buchbestände in einer Spedition eingelagert. Drei Tage später die Kinder in den Flieger, Haus blieb leer zurück - und ab ins glühend heiße Gujarat in Indien, 44,2 Grad Celsius bei der Ankunft - da freut sich der Mitteleuropäer nicht wirklich. Meine Frau lebte zu dem Zeitpunkt schon seit sechs Monaten in einem Hotel, gleichsam aus dem Koffer, und baute eine Niederlassung für ihre deutsche Firma auf. Unglaubliche Geschichte in der Rückschau, wie das alles lief bei uns!

Haben Sie ihren Beruf sehr vermisst in Indien?

Und wie! Die ersten Monate, das erste Jahr ging es noch, aber dann wurde es heftig. Natürlich ist Indien ein total spannendes Land, dort kann man Dinge sehen und erleben wie nirgends sonst auf der Welt, im Guten wie im Schlechten. Ich bin mit beiden Söhnen durch fast ganz Indien gereist, später auch Neuseeland, Australien (übrigens mein absolutes Traumland - in jedem Dorf eine Galerie und ein Antiquariat und freundliche, relaxte Leute). Und wir haben viel gelernt über das Leben in Indien. Nur eine Anekdote: Zwischen unserem Haus in Vadodara und der International School unserer Söhne mussten wir täglich an einer Art offenen Krematorium vorbei, wo die Hindus ihre Toten auf einem Scheiterhaufen verbrannten. Die Kids wollten das dann natürlich auch mal von Nahem sehen… jeden dritten Tag riefen sie fortan bei der Heimfahrt: „Da brennt wieder ne alte Oma!“. Das alles ist dort so normal, wie bei uns die Feuerstellen zum Grillen. Dante Aligheri würde sein „Inferno“ heute wohl eher in Indien ansiedeln als in Italien. Es gibt auf der Erde nichts Extremes als dieses Land, diese Gesellschaft - und ich habe wirklich viele Länder gesehen.

Ich habe mich während meiner „Antiquariats-Auszeit“ wieder auf meine soziologischen Wurzeln besonnen, zu dem Thema viel online publiziert, aber auch fotografiert und nebenbei Zeichnen gelernt. Wenn man also ein Indien-Fazit zieht: Intensiv, aber heftig. Man unterschätzt einfach, was es heißt, als sogenannter Expat in einem vollkommen fremden Kulturkreis zu leben, da den Alltag meistern zu müssen. Das ist eine Art Dauer-Krise. Aus diesen Erfahrungen kulminierte dann 2011/2012 ein Lehrauftrag für mich an der Universität St. Gallen im Fachbereich Soziologie zum Thema „Nomaden der Globalisierung“.

Was sagen Sie denn, wenn Sie jemand nach Ihrem Beruf fragt?

Da sage ich oft lieber „Buchhändler“ als „Antiquar“, es hängt davon ab, wie ich meinen Gegenüber einschätze. Ich habe eben auch - wie viele Kollegen - die Erfahrung gemacht, dass die Leute einem sonst gleich einen alten Biedermeier-Schrank anbieten. Wenn man dann noch hinzufügt, dass man hin und wieder auch an der Universität lehrt und die Leute einen dann später mit „Herr Professor“ ansprechen, ist es schon witzig. Die weniger witzige Variante sind diejenigen Fragesteller, die im Laden beispielsweise nassforsch fragen, ob man „von so was (sic!) tatsächlich leben kann“. Bei diesen, zum Glück, relativ wenigen Vor-Witzigen, die wahrscheinlich zum ersten Mal ein Antiquariat betreten, muss man sich schon gehörig zusammen nehmen, damit die Situation nicht entgleist. Vor allem, wenn Sie dann noch einen dreisten Preisnachlass bei ihrem Einkauf fordern. Wenn sie überhaupt was kaufen. Antiquar sein heißt eben auch, immer an vorderster Front des Menschlich-Allzu-Menschlichen zu agieren. Ist nicht immer leicht.

Was machen Sie, wenn Sie gerade mal kein Buch in der Hand haben?

Na da gibt´s schon einiges. Oberbegriff: Philosophie der Lebenskunst - ein Begriff der alten Griechen, leider viel zu sehr in Vergessenheit geraten, nicht zu verwechseln mit Hedonismus. An erster Stelle steht in diesem Kontext natürlich meine Familie, unsere Söhne (8 und 6) fordern das auch ein: Die sind einen aktiven Papa, der was unternimmt mit ihnen, auch nicht anders gewohnt. Also deren hoher Testosteron-Spiegel hilft schon gegen eine allzu hohe Dosis von Gemütlichkeit des Vaters. Das Sofa, mal wieder den Oblomov von Gontscharow lesend, muss also noch etwas warten. Schade ist nur, dass meine Frau als Managerin beruflich so sehr eingespannt ist: Wir würden gerne mehr Zeit füreinander haben. Unsere frühere Leidenschaft als Kunstschaffende, sie als Malerin, ich als Bildhauer (wir hatten mehrere Ausstellungen), liegt seit Jahren brach. Beruf und Familie lassen uns keine Zeit mehr dafür, leider.

Meine „neuen“ Hobbys korrelieren denn auch eher mit dem Testosteron meiner Söhne. Ich habe vor eineinhalb Jahren zusammen mit ihnen den Kampfsport Karate begonnen – in der Schule eines amtierenden Weltmeisters! Das schlaucht in meinem Alter zwar extrem, aber es macht auch auf fast absurde Weise Spaß. Es ist noch einmal etwas elementar Körperliches (Bänderriss und fünf Monate Pause inklusive) und insofern ein guter Ausgleich zum Antiquariatsalltag. Und bei einer weiteren Freizeit-Leidenschaft gibt es auch einen „Wiedereinstieg“: Seit Sommer letzten Jahres fahre ich wieder Motorrad - alters- und familiengerecht vorsichtig natürlich, ich sage mir: Lieber cruisen statt crashen. Aber wenn einem der Wind um die Ohren weht - das sind dann schon Momente, wo man die Bücher auch mal gern Bücher sein lässt. Die nehmen mir das auch nicht übel, denke ich. Wenn „meine Bücher“ im Laden schmunzeln könnten, wenn ihr Herr und Gebieter reinkommt vormittags –sie würden es wahrscheinlich tun.

Wie sehen Sie die Zukunft des Antiquariats in 20 Jahren?

Jedenfalls nicht so kulturpessimistisch wie viele Kollegen. Ja, der Schrumpfungsprozess der Branche wird sich fortsetzen, aber nicht zu ihrem Untergang führen. Ich halte nichts davon, das ZVAB, booklooker oder das Internet ganz allgemein für eine angebliche Verflachung des antiquarischen Buchhandels verantwortlich zu machen oder – zum 100sten mal - einen allgemeinen Wertverlust des Buches zu beklagen. Da widerspricht der Soziologe in mir. Sozio-kultureller Wandel ist ganz „normal“, und technologischer Fortschritt führt immer zu Veränderungen in den Berufsprofilen. Wo ist das Problem? - könnte man umgekehrt fragen. In zehn Jahren werden Fotos und Filme wahrscheinlich nur noch in 3-D sein. Ein paar Jahre später kann der Kunde dann ein ihn interessierendes antiquarisches Buch z.B. aus dem 18. Jh. als Hologramm vor sich betrachten, mit erläuterndem Audio-Kommentar des Antiquars, bevor er es kauft. Das ist die Zukunft. Und die ist durchaus auch spannend, finde ich. Auch wenn es 2030 dann nur noch halb so viele Antiquariate geben wird wie heute.


Antiquariat am Mehlsack
Dr. Andreas Kleemann
Marktstrasse 12
88212 Ravensburg

Adresse
Tel.: 0751-3594 2665
E-Mail: info@antiquariat-mehlsack.de
Netz: www.antiquariat-mehlsack.de

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