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Antiquariat am Moritzberg, Hildesheim
Dr. Lothar Hennighaus


Wie wird aus einem Theatermensch ein Buchhändler?

Fast 30 Jahre lang war ich Regisseur bei freien Theatergruppen und habe dabei ca. 150 Stücke auf die Bühne gebracht, einige davon selbst geschrieben. Geschrieben habe ich auch als Ghostwriter, so z. B. den gesamten Schriftverkehr samt Anträgen, Zielvorstellungen, Statuten, Bettelbriefen etc. abgewickelt, der zur eigenen und zu anderer Überraschung zur Gründung einer Waldorfschule führte. Ich und Steiner!

In meinem vorigen Leben als Philologe stieß ich, mehr aus Notwendigkeit als aus Zufall, auf Canettis "Blendung". Ebenso sehr wie mich die Härte des Protagonisten Peter Kien, eines Sinologen, sein Charakter, Denken und Handeln faszinierte, auch und gerade weil sie im Konflikt mit der Realität zu seinem Untergang führten, bewunderte ich voller Neid seine riesige, erlesene (und gelesene!) Bibliothek. Mit mir ging die Realität weit weniger brutal um: Sie versagte mir nur, im romantischen Elfenbeinturm einer akademischen Philosophen-Karriere meinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen, dem Lesen und Schreiben. 

Damit war der Weg frei zum Antiquariat. Zu meinen ersten und besten (dies nicht im Sinne von Umsatz) Kunden gehörte der Politologe Kurt Lenk, der mir gestand, dass eine Antiquarsexistenz nächst der eines Politologen für ihn die begehrenswerteste sei, und mir so im Nachhinein die Bestätigung meines Entschlusses gab.


Der Antiquar zwischen Philosophie und Sozialistica

Wie begann Dein Antiquarsleben?

Wollte ich zu Beginn gute Bücher preiswert an Leser bringen und nahm ich als Westfale die Maxime des "mehr sein als scheinen" ernster als die Preußen selbst, so gründete ich ein Geschäft für "Gebrauchtbücher". Umso überraschter war ein Kunde, mit dem ich auch nach Jahrzehnten noch im guten Einverständnis bin, dass ich ihm eine illustrierte Chronik des 15. Jahrhunderts präsentieren und verkaufen konnte. Und das kam so: Ich hatte mir durch penible Korrektheit beim Ankauf das Vertrauen einer Sammlerwitwe erworben, die mir wenig später eine Kiste mit Büchern des 15. und 16. Jahrhunderts anbot, zu einem Preis allerdings, der weit über meinen Möglichkeiten lag. Mit Hilfe einer lieben Freundin, die sich einen Teil ihres Erbes auszahlen ließ und jetzt meine Frau ist, kaufte ich Bücher, die älter waren als alles, was ich bis dato in den Händen gehalten hatte. Und: Ich wusste nicht, wie ich sie bibliographieren, auspreisen oder auch nur kollationieren konnte, nicht einmal, was Kollationieren überhaupt heißt. Dies war mein Anfang als Antiquar.

Ein Antiquar, der sich beschäftigen will mit allem Gedruckten, das schön, vergessen, verboten, verdrängt, verschollen und wichtig ist. So schwammig die Epitheta, so kenne ich keine besseren. Das Buch muss mich anspringen, ES findet MICH. Wie z. B. eine Kleinschrift von 1799, die eine bitterböse Satire über Chemnitz ist und deren Verfasser sich "Rebmann der Jüngere" nennt. Schon nach der Lektüre weniger Sätze war klar, dass diese Zuschreibung einiges für sich, aber vieles gegen sich hat. Rebmann kann hier ebenso ein nom de guerre sein wie selbst Objekt der Satire. Ich liebe diese Verwirrspiele und Rätsel.

Wie sieht Dein Alltag aus?

Wenn ich morgens zwischen 10 und 12 ins Geschäft komme (ich habe tatsächlich noch einen Laden!), freue ich mich darauf, die unterbrochene Lektüre des Vortages fortzusetzen, mag es Aloka Yogi: "Hohes Yoga praktisch" oder der neue SPIEGEL sein (daran etwas auszusetzen, ist immer und überall leicht). Bibliographien oder den "Radtke" auswendig zu lernen, habe ich aufgehört, auch die Lektüre von "Die Welt als Wille und Vorstellung" oder "Die verlorene Zeit" ist irgendwann beendet. Unterbrochen in meinem Vergnügen mit Brillat-Savarins "Physiologie" oder Kerényis "Mythologie der Griechen" werde ich nicht von Kunden, allenfalls durch Anbieter von katholischen Hauspostillen, Näh- oder Schreibmaschinen, Glas und Zinn oder ähnlichem. Denn kaum einer in der niedersächsischen Provinz weiß, dass "Antiquariat" seit langem einen Handel mit altem Bedruckten bedeutet und dass, z. B., Grimms Märchen in einer belanglosen Ausgabe der 50er Jahre nicht "alt" sind oder auch nur dass "altdeutsche Schrift" schlicht "Fraktur" ist.


Lektüren

Wenn ich Kunden sehen will (und manchmal möchte ich Menschen begegnen), besuche ich Messen, von denen mir die ANTIQUARIA die liebste ist, außer es besucht mich zum jour fixe ein vielfach vorzüglicher Kollege. Wir plaudern, lästern, diskutieren und lachen über dies und jenes; auch hier würden Kunden nur stören, da sie oft genug Gegenstand des Gesprächs sind.

Nicht wenige Kollegen, zu denen auch der hier erwähnte gelegentlich gehört, bedauern es, wenn und kaum dass sie ein Buch verkauft haben. War der Preis zu niedrig? fragen sie sich vielleicht und besonders, wenn der Käufer ein Kollege war. Solche Gedanken sind mir (fast) fremd. Ich weiß, dass ich eine Hand freihaben muss, um Neues nehmen zu können, also lasse ich los. Denn der Austausch ist das Wesen des Handels und wahrscheinlich der substantiell-soziale Kern des Humanen überhaupt.

Welche Bücher sind Dir ans Herz gewachsen?

Viele Bücher waren und sind mir ans Herz gewachsen, mich von ihnen zu trennen, bringt manchmal Wehmut mit sich. Aber es gibt ein probates Mittel: Ich verlange Preise für sie, die den Abschiedsschmerz mildern (so bleiben sie auch länger bei mir). Wenn die Wertschätzung des Sammlers für ein Objekt ebenso groß ist wie die meine, wird er für den Wert auch den Preis bezahlen, den ich verlange. Und ich weiß, dass zusammen gefunden hat, was zusammen gehört.

Wie siehst Du die Zukunft des Buchmarktes?

Bücher als Lesefutter zur Unterhaltung werden vermutlich in 20 Jahren ihren Händlern keinen Unterhalt mehr gewähren können. Neuerscheinungen wissenschaftlicher Titel oder auch Bücher aus der Praxis für die Praxis werden die ersten sein, die nur noch elektronisch, als e-reader oder aus der cloud verfügbar sind. Es ist für Verfasser, Verleger und Leser u. a. auch eine Frage der Kosten und Bequemlichkeit. Wer keine Fraktur mehr lesen kann oder will, wer Schwierigkeiten beim Lesen von mehrzeiligen Hypotaxen hat, wer für die Lektüre von BILD mehr als 2 Minuten braucht, wird keine 500 € für eine zeitgenössische Kleist-Ausgabe oder auch nur 30 € für einen neuen Tellkamp ausgeben. Wenn der Druckkosten-Anteil für eine Dissertation 5000 € beträgt, aber die Fakultät die alternative Veröffentlichung im www erlaubt, wird der Doktorand das zweite wählen. Usw.

Und was bleibt?

So bleibt das besondere antiquarische Buch. Mit Grauen aber nimmt der Antiquar wahr, was ein großer Schritt für die Menschheit ist: die Digitalisierung alter Drucke, damit ihre Verfügbarkeit immer und überall, damit auch ihre Demokratisierung. Selbst ehrwürdige Bibliotheken stellen ihre Titel, d. h. den gesamten Text ihrer Titel ins Netz. Welcher Wissenschaftler wird in Zukunft noch z. B. zur HAB nach Wolfenbüttel reisen, um Referenzexemplare von Drucken des Barock einzusehen? Wird das Institut dafür noch die Kosten übernehmen? Oder gar die Kosten für die Anschaffung? Vermutlich nicht, wenn es nur um den Text geht. Andere Fragen, die sich um die Materialität von Objekten drehen (Wasserzeichen, Papier, Einband etc.), sind davon bis auf Weiteres noch nicht betroffen.

Die Zahl von Sammlern Alter Drucke wird abnehmen und ich sehe nicht, dass viele neue nachwachsen. Es ist geradezu pervers, aber die Ahnung eines Hoffnungsschimmers kommt von anderer Seite. Das zunehmend konzentrierte Kapital in den Händen einer sog. Elite sucht nach Möglichkeiten zur Anlage, die "wert- und nachhaltig" ist. Inhalte, historische Bedeutung, ästhetische Momente sind von fast keinem Belag, was zählt, ist einzig der Marktwert, ein stabil bleibender oder besser: ein steigender Preis. Das Buch als Antiquitätchen, ein Deko-Objekt, das Spar-Buch. Es wird eine Zeit kommen, da man nicht mehr voller Stolz auf die nummerierte und signierte Chagall-Lithographie an der Wand zeigt, sondern sich in der Praxis des Internisten oder dem Büro des Notars ein Bücherbord mit Scharteken zum jeweiligen Beruf befindet. Wertbeständiger als der neue SUV sind sie allemal.

Die besondere Materialität eignet weiteren Objekten, denen das Interesse des Sammler erhalten bleibt: Provenienzen, Widmungen, Illustrationen, Schönheit von Einband und Papier etc., die Neugier und Sinnlichkeit wecken. Hinzu kommt ein sog. Alleinstellungsmerkmal: die Seltenheit, ja Einzigartigkeit. Hier ist es die Liebe zum Buch, woher sie auch immer kommen mag, und nicht der Wunsch nach Wissen, die den Sammler zum Kunden des Antiquars macht. Denn diese Liebe will besitzen.


Antiquariat am Moritzberg
Dingworthstr. 20, D - 31137 Hildesheim
Tel. 05121-1744047; Fax: 05121-1744048
E-Mail: antiquariat.moritzberg@t-online.de

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