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Klaus Hoffmann


Einblicke in das Sammlerleben

Es ist der Geruch. Es muss der Geruch sein. Der Geruch der Bücher, der gern erschnüffelte, süchtig machende Duft: Diese warme Mischung aus alten Papier=, Druckfarben=, Kleber=, Staub=, Stockflecken= und Benutzergerüchen, die dem antiquarischen Buch anhaftet. Wenn du die Nase zwischen die Seiten steckst.

Einmal im Herbst hatte ich so viele alte Bücher eingekauft, dass mein Bücherzimmer ganz von diesem Duft erfüllt war. Das lässt dann allmählich nach, flaut ab, bleibt nicht immer, lockt aber. Ich spanne schon Tage, Wochen, was sage ich: Monate vorher auf die nächste für mich erreichbare Antiquariatsmesse, auf meinen nächsten Antiquariatsbesuch, hier in dieser Stadt oder anlässlich einer Reise. Das Antiquariat in Chur / Graubünden beispielsweise, das ich jedes Mal besuche, die beiden in Hamburg, das eine besondere wenigstens in Berlin, und in Stuttgart, das internetfreie in der Wasserreihe von Husum und das sorgfältig geführte in Middelburg auf Walcheren, falls es mir gelingt, wieder einmal nach Holland zu kommen.

So gefunden: Oktavformat broschiert, rote Vorder- und Rückseite, darauf vier schwarze Finger einer schematisch angedeuteten Hand; „Klau mich“ steht in großen Buchstaben über der schwarzen Hand, und darunter: „Rainer Langhans / Fritz Teufel“.
Der klaren Aufforderung wäre ich beinahe erlegen, gerne erlegen, sehr gerne. Eine innere Stimme hat mich davon abgehalten. Ich habe das nicht gemacht. 10 Mark habe ich damals dem Antiquar in Berlin dafür bezahlt, nicht mehr, wahrscheinlich deshalb, weil auf den Seiten, auf denen steht: “Foto 1 (2, 3) Wenn du Lust hast – einkleben“, eben keine Fotos eingeklebt sind in diesem „Voltaire Handbuch 2, edition Voltaire 1968 Frankfurt/Main und Berlin ... Hrsg. Bernward Vesper, die Sau“ (sic), der Jahre später sein Buch „Die Reise“ im März-Verlag veröffentlicht hat (1977), ehe er -- ..., auch das gekauft usw. wie das Leben spielt mit den Zu-Fällen, so traurig, so rot und schwarz, so heiter auch. –

Ich erwerbe nicht unbedingt gezielt (mit einer Ausnahme siehe weiter unten). Ich vertraue dem Zufall. Prinzipiell. Ich mag schon die gut sortierten Antiquariate mit ihren Abteilungen von A – Z, mag aber auch die wilden, wo sich die Bücher auf Stühlen, Dielenböden, in Schaufenstern stapeln und eine Ordnung nach Belieben des Antiquars entsteht, der im Hintergrund an Listen arbeitet und kaum aufschaut, wenn die Ladentür geht.

Wo der Zufall herrscht, finde ich immer: das Buch, das ich schon lange haben wollte, ganz, ganz früher den träumerisch geliebten Hermann Hesse, die blauen Leinenbände bei Suhrkamp, vormals S. Fischer Verlag.

Und später die vielen anderen, ich hole einige aus dem Schrank mit den Glastüren, in dem ein Teil meiner Bücher Staub- und Spinnen-frei aufbewahrt wird: „Deutsche Prosa“ Dieterich`sche Verlagsbuchhandlung 1949 (kein Preis eingetragen, die letzte Geschichte heißt „Jugenderinnerungen an einen Fischadler“ – von Ernst Wiechert); aus meiner französischen Abteilung: „Port Tarascon“ von Alphonse Daudet, Insel Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1967, nach der Wende im Westen für 3 Euro erworben; den „Ploetz“, 26. Auflage 1960, der einst einem Namensvetter gehörte, einem Herrn Hoffmann aus Kronberg / Ts., wie der Adressenaufkleber im Buch bezeugt. Er hat das Buch 1967 erworben, so steht es unter seinem Namen, ich dann 1992, 1708 Dünndruckseiten, der Rücken nicht mehr ganz fest, ich bekam es aus dem Kasten vorm Schaufenster, in Zürich, für 5 SFr.

Gestern kaufte ich ein noch druckfrisches Buch des Wagenbach-Verlages, Berlin, Titel: „Atlas“, 1. – 10. Tsd. 1965 mit Texten damals junger deutschsprachiger Autoren, die später in Wagenbachs Quartheften zu 5.80 DM wieder auftraten. Mit diesen Quartheften bin ich dem Zufallsprinzip untreu geworden. Ich sammle ausnahmsweise und systematisch die Quarthefte der 1960er-70er-Jahre-Autoren. Nicht, weil ich die Texte alle lese. Ich sammle diese Reihe aus purer Lust am Sammeln.

Es ist meine einzige Sammlung, wenn man von bestimmten Autoren absieht, deren Bücher ich immer kaufe, wenn ich sie zufällig finde: also Marie Marcks, Klaus Mann, Robert Neumann, Jürgen Lodemann, F.C. Delius, Günter Grass und Peter Rühmkorf, Martin Walser, zum Beispiel, und viele schmale Lyrik-Bändchen hinter zwei Glastüren meiner Schränke, auch Gottfried Benn - die Tagebücher und seine Lyrik der Astern und Asphodelen.

Gern mag ich Hinweise auf die Vorbesitzer meiner antiquarisch erworbenen Bücher, so wie diesen Hoffmann-Aufkleber im Ploetz oder den winzigen Henning-Nolte-Bleistift-Eintrag mit Jahreszahl des Erwerbs unter dem Buchtitel, immer in sehr guten Büchern. Gern hätte ich diesen Henning Nolte gekannt!

Ich mag auch die kleinen Einklebezettel der Buchhandlungen, die sich in Vorkriegsbüchern finden und auf den Erwerbsbuchladen hinweisen: in Magdeburg, Halle, Leipzig, Tangermünde, Köln, Hameln ... so kommen sie jetzt auf mich für einige Zeit. Handschriftliche Einträge des Vorgängers? Sehr willkommen in zartem Bleistift, aber nicht zu viele! Ganz unmöglich sind Vermerke mit Kugelschreiber oder gar Leuchtstift. Solche Exemplare werden grundsätzlich ausgeschieden. Kleine Zettel, gebräunte Zeitungsausschnitte finde ich besonders gern zwischen den Seiten.

Walter Kempowski stellte die verloren gegangene elterliche Büchersammlung nachträglich durch Ankäufe der Titel, die vor dem Krieg im väterlichen Bücherschrank gestanden hatten, wieder her: Ina Seidel, Buddenbrooks, Die Barrings, Manfred Hausmann ...; man kann diese Sammlung in Rostock besichtigen. Das hat mich gereizt, aber es wurde dann doch nichts daraus. So gezielt ausgerechnet diese sammeln? Nein. Das war mir zu weit weg, und der knurrige „Kempo“ hat das ja schon gemacht. Der viertürige braune Schrank (Deutsche Werkstätten) meiner Eltern aber steht jetzt in meinem Arbeitszimmer mit meinen Büchern der „Abteilung Architektur und Bildende Kunst“.

Der Zufall bringt mir gelegentlich signierte und vom Autor gewidmete Bücher ein. So fand ich einmal Thaddäus Troll und auch Erich Maria Remarque (zwei Bände 1956 für zwei Schweizer Franken 1996 bei Emmaus / Sigirino auf der Passstraße über den Monte Ceneri) und Elisabeth Borchers ... Mitunter auch Graphik. Die schön gemachten Quarthefte von Wagenbach mit vielerlei Tintenfischen sammle ich vor allem wegen der Graphiken von Günter Bruno Fuchs, Günter Grass, Christoph Meckel ...

Einmal entdeckte ich auf einem Stoß Papier im Laden drei große graphische Original-Siebdrucke monogrammiert von ... nein, ich verrate den Namen des Künstlers nicht. Die Blätter waren locker gefaltet. Sie hatten vermutlich als Packpapier gedient! Offenbar hatte ein unkundiger Mensch nicht gewusst, was er da vernutzte. Sauber waren sie noch. Die Kniffe ließ ich von einer Papierrestauratorin ausbügeln, so gut es ging. Die schwarz-gelben Graphiken sind sehr schön.

Wann begann das und wann wird das enden? Es begann in Schülerzeiten, lange vor Hermann Hesse. Enden wird es nie. Antiquariate werden immer sein, immer und in jedem Fall auch in den ärgsten Verdrängungs=, Konzentrations=, Buchpreisbindungsaufgabe= und Internet=Entwicklungen. Antiquariate wird es immer geben, für die Liebhaber der Bücher, für süchtige Schnüffler - so lange wird es sie geben, bis die Welt in Scherben fällt. Auch das kann sein, aber nicht zu meinen Lebzeiten und auch nicht zu Lebzeiten meiner Kinder und Kindeskinder. Des bin ich fast gewiss.


Klaus Hoffmann, Uferstraße 30, 71642 Ludwigsburg, E Mail: klaushoffmn@aol.com

geb. 1935 in Tangermünde/Elbe, seit 1947 in Westdeutschland, seit 1955 in Baden-Württemberg.

Architektur-Studium in Karlsruhe (Egon Eiermann), als Architekt viele Jahre, bis 1997, tätig beim Land und bei der Stadt Stuttgart, 1989 - 2004 Stadtrat in Ludwigsburg und Mitglied des gemeinderätlichen Bauausschusses, 1997 Gründung des Ludwigsburger Architektur-Quartetts, 2001 Gründung des Freundeskreises des Städtischen Museums
 
einige Buchveröffentlichungen (Das Alte Hoheneck, fünfmal Holland, Zwischenzeitlich Bahnfahrt, Mitarbeit am Kunstführer für Ludwigsburg - alle bei Hackenberg), diverse Aufsätze und Vorträge.