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Graphikantiquariat Martin Koenitz
Leipzig, Dresden

IVom DDR-Pfarrerssohn zum Kunsthändler im „faulenden, absterbenden“ Kapitalismus

m Jahr 1967 kam ich als sächsisches Pfarrerskind zur Welt und wuchs in Leipzig auf. Ich entwickelte mich dank meines christlich-bürgerlichen Elternhauses und der zahlreichen Westverwandtschaft nicht gerade zur sozialistischen Persönlichkeit. Entsprechend schlecht waren meine Voraussetzungen, was die Bildungschancen anging, Abitur kam nicht in Frage. So musste ich den ungeliebten Beruf eines Feinmechanikers lernen - ein Junge, der bis dahin eher geträumt, musiziert und gelesen hatte. Mein Zimmer war eine Fluchtburg, weg vom tristen DDR-Alltag, vollgestopft mit Antiquitäten und Büchern, die ich meistenteils aus Haushaltsauflösungen und Müllcontainern beschafft hatte.

Als Feinmechanikerlehrling begann das Leben nach Feierabend und am Wochenende. Meine häufigen Pragreisen finanzierte ich, indem ich kofferweise alte deutsche Bücher in Prag kaufte und in Leipzig verkaufte. Das händlerische Geschick scheint sich schon in meiner Jugend ausgeprägt zu haben.

Es folgte eine glücklichere Zeit als Unqualifizierter und später als Lehrling in einem Bücherparadies und zwar der größten Buchhandlung der DDR mit 70 Mitarbeitern. Das war die Franz-Mehring Buchhandlung auf dem Leipziger Karl- Marx- Platz. Zweimal bin ich beinahe rausgeflogen, einmal wegen frecher Äußerungen im Fach Sozialistisches Recht und einmal, weil ich zu viel Handel nebenbei betrieb. Im Frühling 1989 wurde es kriminell, und ich riskierte Gefängnis, weil ich mich grundsätzlich der DDR-Armee verweigerte. Im Sommer folgte ein Kurzaufenthalt im Knast wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Veranstaltung - ich hatte bei dem illegalen Leipziger Straßenmusikfestival eine Trompete dabei. Klar, dass dieser Staat nicht mehr lange zu halten war.

Nach der erfolgreichen Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 hatten wir es geschafft. Ich war sehr erleichtert und küsste zum ersten Mal die Frau, mit der ich heute noch verheiratet bin - Ina! Danach kamen unsichere Zeiten. Als ich die Ausbildung zum Buchhändler beendet hatte, war dieser Beruf mangels Mangel nicht mehr interessant für mich. Nach einer Zeit mit Reisen in den größeren Teil Deutschlands und andere Länder musste ich mich irgendwann wieder ums Geldverdienen kümmern. Besonders frustrierend war der Verkauf von Fernsehern und Videokameras, die ich bis zum Schluss nicht bedienen konnte. Weil die Produktion nicht hinterher kam, musste man um 1990 monatelang auf die begehrte Ware warten. Der Kapitalismus war an seine Grenzen gekommen, allerdings nur kurz! Was war zu tun? Wo ist mein Platz in der neuen Gesellschaft? Dieses Rennen und Hetzen, diese Gier und diese Flüchtigkeit widerten mich zunehmend an. Es muß doch noch etwas anderes, Ewiges geben! Ich beschloss, ein Theologiestudium aufzunehmen. Nach einer speziellen Vorausbildung als Abiturersatz studierte ich in Leipzig und Halle. Ich freute mich auf den Pfarrberuf, musste aber irgendwann feststellen, dass meine Berufschancen schlecht sind. Die Kirche hatte damals einfach zu wenig Stellen frei und übernahm nur einen Teil der Studierenden. Und meine Frau Ina ist eine hartnäckige Katholikin - ein erheblicher Bewerbungsnachteil.

Neben dem Studium betrieb ich einen immer schwungvolleren Handel mit historischer Druckgrafik, dem Sammelgebiet meines verstorbenen Westberliner Großvaters. Die Faszination für die Druckgrafik bin ich seit 1990 nicht wieder losgeworden. Druckgrafik, meist in hoher künstlerischer Qualität, illustriert die Geschichtsverläufe der vergangenen fünf Jahrhunderte sowohl in städtebaulicher Hinsicht als auch in Alltagsgeschichte, Kulturgeschichte und Kunstgeschichte. Ein unendlich vielseitiges Universum, das sich ohne langes Lesen erschließt.

Interesse an alten Stichen war in Leipzig vorhanden, es gab einen regelrechten Nachholbedarf, da die meisten guten Stücke irgendwann von der DDR in den Westen gewandert waren und jetzt mit dem neuen Geld wieder nach Mitteldeutschland „importiert" werden konnten. In Leipzig gibt es gebildete und vermögende Leute mit fester Verwurzelung in ihrer Heimat - eine gute Grundlage für den Antiquar. So eröffnete ich 1997 ein Lädchen an der Thomaskirche in der Hoffnung, davon meine Familie ernähren zu können. Es kam aber noch besser. Nach und nach folgten drei weitere Ladengründungen mit Freunden, die meine Mitarbeiter wurden.

Wenn man so erfolgreich ist, wird man leicht größenwahnsinnig. Meine Frau und ich kauften 2007 ein verfallenes Renaissanceschloss in Thüringen, das der Staat unbedingt loswerden wollte. Es handelt sich um das hennebergische Residenzschloss Breitungen an der Werra, ein ehemaliges Benediktinerklostergelände mit romanischer Basilika, in der Nähe von Eisenach. Wir zogen mit unseren drei Kindern einfach weg von den Läden in das Abenteuer Schlossrenovierung. Das hat mich in der spannendsten Bauphase nahe an die Insolvenz gebracht. Jetzt ist das Schloss zumindest notgesichert. In unserer ehemaligen Wohnung im Schloss ist viel Platz für Gäste, denn meine Frau beendete das Abenteuer und wünschte sich fünf Jahre später wieder zurück nach Leipzig. So leben wir jetzt mit vier Kindern in der Nähe von Leipzig, meine Frau arbeitet als Ärztin.

Viele können sich kaum vorstellen, wie man in der gegenwärtigen Rezession von dekorativer Grafik mit so vielen Läden und Angestellten über die Runden kommen kann. Ich glaube, wir schaffen es, weil ich hervorragendes Personal habe. Motivierte und gebildete Leute, denen ihre Arbeit Spaß macht und die unsere Kunden lieben. Trotz regelmäßiger finanzieller Engpässe und Rückschläge geht es uns gut. Eigentlich kann man gar nichts mehr verkaufen, andererseits geht alles. Der Markt ist völlig unberechenbar geworden. Da ist es gut, wenn man von Allem viel Auswahl hat. Unsere günstigen Preise sind bekannt, es macht Spaß, wenn zur Eröffnung der Ludwigsburger Messe „Antiquaria“ unser Stand nahezu gestürmt wird. Natürlich sind wir auch im Internet präsent, wir heben uns dort von dem lieblosen Massenbetrieb durch eine exklusive Präsentation auf der Seite „Grafikliebhaber“ ab. Diese Präsenz versuchen wir ständig auszubauen, um das Risiko von vier offenen Ladengeschäften in der Innenstadt von Leipzig und Dresden auszugleichen. Ein neueres Standbein ist die Galeriearbeit. Hier vertreten wir eine gewisse Qualität künstlerischer Arbeit, die sich in DDR-Verhältnissen entwickelt hat und weiter fortdauert.

Was die Zukunft anbelangt, bin ich insofern optimistisch, als dass es für einen Antiquar und Kunsthändler immer etwas zu kaufen und zu verkaufen gibt. Wir sind Missionsstation für die Kunst und deren Vermittler. Natürlich gibt es eine Menge Ware, über die wir hinwegsterben werden, aber auch täglich neue überraschende Begegnungen mit der Kunst und den Menschen, die uns glücklich machen.

Der Marxismus kritisiert unsere jetzige Gesellschaft als „faul und absterbend“. Daß das Sterben so anhaltend und schön sein würde, hätte er nicht gedacht. Wir leben auf höchstem Niveau, wissen aber auch, daß das teuer erkauft und vergänglich ist.

Das Schloss soll zu einem Treffpunkt werden, wo wir uns über tragfähige, nachhaltige Konzepte für die Zukunft unterhalten, aber auch einfach das Leben genießen können: auf dem Liegestuhl zwischen Ziegen und Hühnern, am Lagerfeuer, am Ofen im Schlosssaal oder singend in der Basilika…


Graphikantiquariat Martin Koenitz
Markt 1 / Altes Rathaus · 04109 Leipzig
Tel.: 0341 2111024
Mobil: 0163 2613274
E-Mail:
info@schloss-breitungen.de
www.grafikliebhaber.de
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