zurück 

Akka und Wulf D. von Lucius


Die Anfänge unseres Sammelns liegen weit zurück, mehr als 45 Jahre. Schon vor unserer Heirat begeisterten wir uns gemeinsam für alte Bücher, wir besuchten Antiquariate und Auktionsvorbesichtigungen in Heidelberg und schenkten uns das eine oder andere antiquarische Buch. Einer der Auslöser war der Ort Heidelberg, und wir sammelten Ansichtenwerke des 19. Jahrhunderts. Diese Vorliebe für illustrierte Werke hat sich über die Jahrzehnte immer gehalten, wenn auch inhaltlich sehr verschoben mit dem heute ganz stark vorherrschenden Schwerpunkt der Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts.

Unvergessliche Augenblicke des Sammelns waren z. B. der Erwerb des ersten antiquarischen Buches überhaupt (Salomon Gessner, Schriften) oder das erste Geschenk meiner damaligen Freundin an mich, Uz’ Werke in der bezaubernden Edition von Schrämbl, Wien 1790, oder Vergils Eclogen im Druck der Cranach Presse. Dieses Buch kauften wir, als wir wussten, dass wir Zwillinge haben würden und danach sicher nie mehr Geld, um ein schönes Buch zu kaufen. Es sollte noch einmal etwas richtig Schönes und Teures sein. Das mit dem „Nichts-mehr-kaufen“ hat sich nicht verwirklicht, vielmehr haben wir dadurch eine neue Preisklasse erklommen. Das sind so Stücke, die nicht primär Trophäen sind, deren man sich anderen Sammlern gegenüber berühmt, sondern Stücke, in denen viel eigenes Leben steckt.


Johann Peter Uz, Werke, Wien 1790

Wenn man ein so weit gespanntes Sammelgebiet hat wie wir, von der Buchkunst des Klassizismus über Pressendrucke, Art Déco (insbesondere französisches), den klassischen Malerbüchern der École de Paris bis hin zu den gegenwärtigen Artists Books, dann ist der Gedanke, auf Vollständigkeit zu sammeln, von vornherein abwegig. Wir sammeln eigentlich immer Exempla und versuchen, jedes der Gebiete abzustecken und bis zu einem gewissen Grad zu verdichten. Vollständigkeit vermeiden wir bewusst, sie ginge ja auf Kosten der Vielfalt. Wir sammeln also in all diesen Gebieten parallel und seit langem. Dabei ist ein wichtiger Aspekt für den konkreten Erwerb immer der Zustand des Exemplars. Schlechte Exemplare kaufen wir grundsätzlich nicht und freuen uns sehr, wenn ein guter Inhalt in tadelloser Erhaltung auch in einem künstlerisch wertvollen Einband steckt. Das gelingt natürlich nicht immer, aber es ist ein Zielpunkt.

Zu Beginn unseres Sammelns waren die Hauptkaufquelle die Ladenantiquariate, die es heute viel weniger gibt. So stehen heute die Auktionskataloge und diejenigen, die von Antiquaren noch verschickt werden, im Vordergrund, und natürlich ganz wichtig die Messen! Wir hatten ja das Glück, in Heidelberg am Anfang unseres Sammelns noch Ladenantiquariate und ein renommiertes Auktionshaus am Ort zu haben, und haben heute das große Glück in Stuttgart bzw. Ludwigsburg mit zwei Messen, eine sehr große Buchpräsenz zu erleben, ohne dass wir aufwendige Reisen unternehmen müssen. Sowohl im Erwerbungsetat wie auch in der Orientierung über das aktuelle Angebot sind diese beiden Messen unschätzbar. Ohne sie wäre unsere Sammlung sicher sehr anders.

Verkauft haben wir nur ein einziges Mal an einen Antiquar, von dem wir etwas sehr Teures kauften und unsere Kasse nicht auf Null plündern wollten.


Modes et manières d’Aujourd’hui Vol.1(1912). Ill. Von Georges Lepape

Der Kontakt zu anderen Sammlern ist wertvoll, aber viel seltener, als man es sich vielleicht wünschen könnte. Eine schöne Gelegenheit sind dazu die Jahresversammlungen der Maximilian-Gesellschaft und die bei den Oberschwäbischen Bibliophilen, einem informellen persönlichen Kreis von Buchbegeisterten.

Die Topographie einer Sammlung in den Regalen ist ein von vorneherein nicht konsequent lösbares Problem: man möchte eine Ästhetik in der Präsentation, also nicht Antiquarisches mit aktueller Literatur mischen. Man kann aber auch sonst nicht einmal einen Autor konsequent auf einem Regalbrett haben, weil die Formatunterschiede zu groß sind. Schon die barocken Bibliotheken stellten nach Formaten. Am Ende hat man ein in der optischen Präsentation der Regale ganz ansprechendes Ergebnis. Man muss aber einen inneren Kompass haben, um die Dinge zu orten. Meistens klappt es, aber es gibt auch die verzweifelte Suche nach einem Stück, die auch mal ein halbes Jahr dauern kann.


Blaise Cendrars, La Fin du Monde. Ill. Von Fernand Léger. Paris 1919

Was die Zukunft betrifft, sind ja Händler zur Zeit eher skeptisch. Wir sind aber sicher, dass es auch in 20 Jahren noch Büchersammler gibt, wobei zu vermuten ist, dass sich — abgesehen von den sehr teuren Stücken, die immer Sammelgegenstand waren und bleiben werden — der Schwerpunkt weiter in die nähere Vergangenheit verschieben wird. Wir sehen dies ja z. B. gerade an dem Entstehen mehrerer vorzüglicher Antiquariate, die sich gänzlich auf die 20er/30er Jahre spezialisiert haben und dieses Sammelgebiet qualitativ und auch preislich in eine Region gebracht haben, die man vor 30 Jahren noch nicht erwartet hätte. Die Messen werden nach unserer Einschätzung weiter eine sehr bedeutende Rolle spielen. Eine andere Möglichkeit wäre, wenn die Antiquare sich intensiver mit dem Sammlungsprofil ihrer Kunden befassen würden, d.h. auch unter dem Jahr und zwischen den Messen gezielte Angebote machten. Daran fehlt es nach wie vor fast vollständig. Wir denken mit Wehmut an Fritz Neidhardt zurück, der uns Jahr für Jahr mehrfach einlud, und was er auf dem Tisch für uns vorbereitet hatte, war fast immer ein Volltreffer bzw. zu viele davon. Wir sind immer mit einer schönen Tasche voll Büchern weggegangen, aber natürlich bei weitem nicht allem, was wir hätten haben wollen. Die Verführung zum Buch und insbesondere die zu höherpreisigen Käufen muss der Händler aktiv betreiben, und dafür reichen vielleicht die Messen nicht ganz.


E-Mail: akka@luciusverlag.com

Veröffentlichungen
Wulf D. v. Lucius, Bücherlust. Köln 1999
Ders. Das Glück der Bücher. Berlin 2012
Zwei Kataloge ausgewählter Stücke aus unserer Sammlung
Bücherlust – Buchkunst und Bücherluxus im 20. Jhdt. Stuttgart 1998
Anmut und Würde – Bücher und Leben um 1800. Stuttgart 2005