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Antiquariat Daniel Osthoff, Würzburg


Wie war das mit dem Lehnstuhl?

Meine ersten Berührungen mit dem Antiquariat hatte ich als Kind in Ascona im Geschäft von Leo Kok, der Libreria della Rondine. Bei unseren Wanderungen im Tessin nahm mich mein Vater immer mit in das verwinkelte und vollgestopfte Geschäft vom alten Leo Kok in Ascona, der meist lesend in einem großen Lehnstuhl saß und freundlich aufblickte, wenn Kundschaft eintrat. Dann konnte man sich zwischen den Büchern verlieren, es roch gut, der alte Kok las weiter, und die Welt war in Ordnung. Einen solchen Lehnstuhl als Arbeitsplatz sah ich als sehr erstrebenswert an, auch wenn ein Berufsleben noch weit entfernt lag. Im Laufe der Zeit verschwand dieser Traum - eben weil ich es doch eher als Traum ansah, mit dem man vermutlich auch kein Geld verdienen konnte.

Bekamst Du Deinen Lehnstuhl?

Wieder war es im Tessin, und wieder war es mein Vater, der mich am Ende meines Germanistik-Studiums auf einer Wanderung geschickt auf einen Beruf hinlenkte, den ich nur noch als Traum in Erinnerung hatte, obwohl ich während des Studiums ununterbrochen mit ausgegrabenen Büchern aus dem 18. Jahrhundert zu tun hatte: Er bot mir an, für mich bei einer Bank zu bürgen, wenn ich Startkapital für ein Antiquariat bräuchte... Ein Jahr später -  im Herbst 1988 - eröffnete ich mein Antiquariat als Ladengeschäft, ohne Lehnstuhl und nicht ganz so verwinkelt, aber gestopft voll mit der Bibliothek des Romanisten Franz Rauhut -  Bücher, die 10 Jahre später immer noch ganze Regale füllten.

Sitzt Du jetzt im Lehnstuhl?

Natürlich war es nichts mit dem Sitzen im Lehnstuhl und dem Lesen, Verkaufen, Lesen, Kaufen. Meine Frau arbeitete von Anfang an mit im Geschäft, und wir mussten uns schnell angewöhnen, dem Markt gerecht zu werden und nicht nur das anzubieten, was wir selbst für richtig und gut hielten. Von Anfang an publizierten wir mehrere Kataloge im Jahr, und somit war die Hauptbeschäftigung klar: Titelaufnahme, Ankäufe, Kundenbetreung, Versand - ein nie enden wollender Kreislauf. Wenn nicht da immer wieder Brüche wären, klänge das vielleicht etwas fad.

Was meinst Du damit?

Als Bruch sehe ich zum Beispiel meinen kleinen Verlag an, in dem ich immer dann mal ein Buch veröffentlicht habe, wenn es anderswo nicht ging, z.B. meine Dauthendey-Bibliographie, die mich Monate nebenher beschäftigte, auch wenn das natürlich kein Broterwerb war. Oder Messen wie die Antiquaria, bei denen man neue Kunden kennenlernt, alte Kunden trifft und nicht zuletzt die vielen befreundeten Kollegen wiedertrifft. Ich glaube, daß ich bis auf die Stuttgarter Messe fast alle Antiquariatsmessen in Deutschland zumindest für einige Jahre als Aussteller besucht habe.
Einige Jahre habe ich auch mit meinem damaligen Mitarbeiter German Neundorfer zusammen den "Antiquariatskurier" publiziert, ein anfangs wöchentlich erscheinendes Blättchen, mit dem Kollegen per Inserat Bücher suchen konnten - heute nicht mehr vorstellbar!
Naja, das sind Dinge, nach denen man wieder froh zum Alltag zurückkehren kann - und manchmal versinke ich doch in Büchern, die ich gerade angekauft habe, auch ohne alten Lehnstuhl.

Was sind das für Bücher?

Das kann alles mögliche sein. Kürzlich hatte ich zum Beispiel ein Buch von Timotheus Polus, einem recht unbekannten barocken Dichter von 1623. Es war schon nicht einfach, den Wert festzustellen, da dieses Buch vollständig auf keiner Auktion nachweisbar war. Über den Autor etwas herauszubekommen, den literarischen Wert des Inhalts zu beurteilen, das Umfeld des Autors einzuschätzen - dafür kann ich Tage verschwenden.

Und willst Du es dann nicht lieber behalten?

Das kommt ganz selten vor, dass ich etwas Seltenes und Wertvolles für mich behalten möchte. Ich habe es ja einige Zeit besessen. Das reicht mir im meistens. Die Freude des Kunden, es für immer besitzen zu wollen, überträgt sich dann auch auf mich.

Wird das in 20 Jahren auch noch so sein?

Ich denke: Ja. Natürlich wird unser Beruf ganz anders als heute aussehen. Mit dem Einzug des Internet hat sich in den letzten 15 Jahren schon soviel verändert. Einfache, aber gute Bücher lassen sich unter realen wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum noch verkaufen. Natürlich haben wir im Ladengeschäft noch Leseausgaben deutscher Literatur stehen, aber die Preise sind bei den meisten derart gefallen, da alles per Internet jederzeit in Unmengen und zu Spottpreisen verfügbar ist, dass es kaum noch wirtschaftlich ist. Andererseits ist die Vorratshaltung auch einer der möglichen Einstiege für junge Kunden. Ich denke häufig, dass es sinnvoller wäre, nur noch seltene und wertvolle Bücher anzubieten, denn dafür sehe ich auch in 20 Jahren noch einen Markt. Aber auch dieser Markt wird dünner. Die junge Generation, die jederzeit alles im Netz verfügbar und es nicht nötig hat, sich eine Bibliothek aufzubauen, für diese Generation ist es auch kein Statussymbol mehr, eine Bücherwand zuhause stehen zu haben. Sammler entstehen aus dieser Generation immer weniger. Und das wird nicht erst in 20 Jahren den Markt gravierend beeinflussen. Der Gebrauchbuchhändler wird seine Ware zu Centbeträgen anbieten, das ist ja heute bereits in Teilen Realität. Wir Antiquare können uns nur noch in thematische Nischen zurückziehen - wir machen das z.B. im Bereich der Altphilologie, ein Bereich, der naturgemäß kleinere Auflagen hat und in dem entsprechend die Konkurrenz kleiner ist, sodass sich das ständige Unterbieten nicht in dem Maße vollzieht.


Das Antiquariat in seiner vollen Pracht!

Andererseits halte ich es für enorm wichtig, mit einem öffentlichen Ladengeschäft der Bevölkerung auch zu zeigen: Es gibt sie noch, die alten Bücher, und es sieht auch schön aus, wenn die Wände vollstehen mit Regalen und mit einem sprechen. Das Sammeln von was auch immer ist etwas, was den Menschen immer eigen bleibt. Vermutlich wird es in 20 Jahren noch weniger Ladengeschäfte geben, und die Sammler alter Bücher und damit die Antiquare überhaupt werden weniger werden - aber es wird sie bestimmt noch geben, denn die Schönheit, die Sinnfälligkeit und Großartigkeit von Büchern wird nicht vergehen und vielleicht kann man dann für wenige hundert Euro auch wieder Inkunabeln erstehen, wie in den 50er Jahren. Ich glaube da an Wellenbewegungen, nicht an Ebbe.

Was ist deine Lieblingsbeschäftigung außerhalb des Antiquariats?

Wir haben 3 Töchter, von denen 2 noch zuhause leben, und damit steht natürlich das Familienleben mit all seinen Facetten im Vordergrund. In den letzten Jahren hat sich aber die Lust am Bergsteigen wieder verstärkt, und für eine knappe sommerliche Woche treffen wir uns zu viert in Traunstein beim lieben Kollegen Bernhard Volkert und seiner Frau Rosa. Mit von der Partie ist noch Frieder Welz, der auch jahrelang Aussteller in Ludwigsburg war und Martin von Kralik, ein Studienfreund Bernhards aus Freiburger Zeiten, auch er stand einmal auf der Antiquaria als Vertreter für das Antiquariat Uhl. Dabei geht es richtig zur Sache: Watzmachdurchquerung, Hochkalter, die Loferer Steinberge, Wilder Kaiser, gelegentlich auch kleinere Touren. Im kommenden Sommer steht der Hochkönig auf dem Programm. Ein wunderbares Kontrastprogramm zu unserem doch meist im Sitzen ausgeübten Beruf.


... und wieder kein Lehnstuhl für Antiquare, (die hoch hinaus wollen)!


Antiquariat Daniel Osthoff

Martinstraße 19
D-97070 Würzburg
Tel.: 0931 57 25 45
Fax: 0931 3 53 79 45
E-Mail: Antiquariat.Osthoff@t-online.de
www.antiquariat-osthoff.de

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