zurück 

Dr. Roland Stark


Sammeln war in Vorzeiten eine lebensnotwendige Tätigkeit und ist heute zu einer Leidenschaft mit mehreren Facetten mutiert, die zuweilen zur Gier ausarten kann. Sammler sind Menschen, die ihre Schätze verbergen und sich im stillen Winkel an ihnen weiden oder aber auch Prahler auf dem Markt der Eitelkeit, die mit ihren Erwerbungen prunken. Die Spannweite ist groß, und die Ausdrucksformen des Sammeltriebs sind vielfältig.


Hans Fischer: Der Geburtstag, Zürich: Büchergilde Gutenberg, 1947

Ebenso vielschichtig sind zugleich die Motive zum Sammeln: Vom Lust am Gegenstand bis hin zur Manie des Komplett-sein-Müssens reicht die Skala. Dabei sind Büchersammler „Bibliophile“, d.h. Liebhaber von Büchern, bei den Briefmarken handelt es sich um Philatelisten, Bierdeckelsammler besitzen keine spezielle Bezeichnung, aber der Sammeltrieb tobt sich in allen Facetten und bei jeder Gelegenheit aus.

Ganz positiv werden Sammler von der Gesellschaft gewürdigt, wenn sie sich zu Stiftern verwandeln, ganz schlecht schneiden sie ab, wenn sie aus ihrer Sammlung Gewinn schlagen.

Idealisten aber sind sie eigentlich nie, denn irgendein Trieb wird immer beim Sammeln befriedigt. Selbst wenn man aus dem Haben durch Verschenken ein Sein zu machen glaubt - auch die Schenkung bleibt mit dem Gebenden personal verbunden.

Also vererben? Wenn ich an die Mengen von Büchern denke, die meine Frau und ich aus den unterschiedlichsten Motiven gesammelt haben, dann glaube ich nicht an die Kapazität und die Aufnahmebereitschaft der Kinder. Zumal spezifische Interessen ja gar nicht nachvollzogen werden können, wenn ich zum Beispiel für einen Aufsatz Interesse an den illustrierten Umschlägen von Fischers Romanbibliothek entwickelte und darauf hin die ganze Reihe mit über 90 Bänden in unterschiedlichen Einbandvarianten zu sammeln begann, dann kann ich kein Interesse der nachfolgenden Generation erwarten. Wobei das Beispiel meines Vaters nachklingt, der Ullstein Bücher wegen ihrer Schutzumschläge sammelte und sich dafür einen ganzen Bücherschrank bauen ließ. Ich habe sie dem DLA verschenkt - in dem Schränkchen stehen jetzt „meine“ Bände von Fischer.

Und bei den vielen Bilderbüchern? Da gibt es sicher einige Lockobjekte zum Bewahren bei den Erben, aber in toto? Wir haben durch einen Zufall mit dieser Sammlung begonnen, bei einem Urlaub in der Eifel. Da stießen wir bei einer Exkursion auf einen Trödler, in dessen Lager eine junge Zwergziege über die Möbel sprang und dessen Eingangsbereich mit den Resten einer Haushaltsauflösung bedeckt war. Dazwischen lag Der kleine Häwelmann mit den Bildern von Else Wenz-Vietor, und ich nahm ihn mit, um abends im Hotel Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Daraus entstand bei meiner Frau eine Zuneigung zu dieser Künstlerin, und nun sammelten wir von EWV, was uns von ihr unter die Finger kam.

Aber sammelt man einmal einen Namen, dann sammelt man rasch auch eine Reihe eines Verlags, dann benachbarte Publikationen, darauf Kinderbücher des Biedermeier, weil beim Lesen von Walter Benjamin offenkundig wurde, welcher Freund dieser Bücher er war.

Der Erwerb von Fachliteratur ist der folgerichtige nächste Schritt, dann die Verfolgung eines bestimmten Künstlernamens, eine kleine private Aufarbeitung dazu, und schon ist man nahe am Publizieren. Die freundliche Akzeptanz des Beitrags schürt weitere Forschungen. Und dann hatte ich die Chance zu einer Ausstellung samt Katalog - und das noch im Deutschen Literaturarchiv. So etwas darf man sich - inzwischen aus dem Berufsleben ausgeschieden - nicht entgehen lassen.

Das Resultat sind viele Kontakte, Nachkommen von Künstlern und Schriftstellern melden sich ebenso wie andere Sammlerinnen und Sammler. Es gibt Anfragen, ob man nicht beispielsweise Kreidolfs Briefe bearbeiten wolle - und schon sitzt man in der Burgerbibliothek in Bern und verfertigt ein Buch.

Dabei stößt man auf hundert andere Sachen, alle bislang unentdeckt. Zugleich ist man natürlich viel bewusster beim Sammeln geworden, kann Spuren nachgehen, die normalerweise nicht zu finden sind, erwirbt kleine Kostbarkeiten, schreibt wieder darüber - es hört nicht auf.

Sammeln geschieht jetzt primär aus Forschungstrieb - eine Entwicklung der Leidenschaft in eine unerwartete Richtung. Ebenso unerwartet hinzu kommen die Enkel, die dann die kleinen Arme am Bücherregal hoch strecken und nach Grügers Liederfibel verlangen oder Ungerers bösen Gesellen oder nach den Klappbilderbüchern oder die mit den Ziehmechanismen und all die anderen, mit denen etwas zu bewegen ist. Und schon ist Meggendorfer mehr als nur eine Preziose  - er ist zu seinem ursprünglichen Sinn zurück gekehrt.


Paula und Richard Dehmel: Fitzebutze. Berlin: Insel Verlag bei Schuster und Löffler, 1900

All diese positiven Momente stacheln weiter zum Sammeln an - die Regale füllen sich. Sie füllen sich so, dass das Suchen in den Beständen beginnt, aber auch das hat seine schönen Seiten, weil sich bei dieser Gelegenheit immer etwas findet, das man schon lange wieder einmal ansehen wollte.

Meine Frau versucht von Zeit zu Zeit, Systematik in die Bestände zu bringen. Dann liegen die Bücher in unterschiedlichen Stapeln auf dem Boden, dazwischen sitzt sie und hat etwas gefunden, das sie vermisst hatte und nun wieder genießen darf. Aus der Neuordnung wird nichts - die Stapel werden wieder eingeräumt, anstatt einsortiert. Man darf das Suchen von vorn beginnen; wie jeder Sammler nur zu gut weiß. Doch das ist mehr als Beschäftigungstherapie: es ist die Freude am Gegenstand als Gegenüber. Kein Besitz, ein Miteinander. Eben sammeln im guten Sinne. Zum eigenen und zum Kindervergnügen, für das Weitergeben an gewonnenen Erkenntnissen und für den Gedankenaustausch mit anderen Liebhabern, für das Bewahren in vielfachem Sinn.


Dr. Roland Stark
E-Mail: stark_roland@t-online.de


zahlreiche Veröffentlichungen zum Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur,
darunter die Bücher

Fitzebutze - 100 Jahre modernes Kinderbuch. Marbacher Katalog 54. Marbach 2000
Der Schaffstein Verlag. Frankfurt: Lang 2003
Die Dehmels und das Kinderbuch. Nordhausen: Bautz 2004
Ernst Kreidolf - der Malerpoet und seine Verleger. Frauenfeld: Huber 2005
Erhart Kästner und das Kinderbuch: Warmbronn: Keicher 2005
Herzallerliebstes Kreidölfli. Warmbronn: Keicher 2006
Sprache auf der Goldwaage. Bern: Robert Walser Zentrum 2012