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Frank Rolf Werner


Seit wann sammeln Sie welche Bücher?

Meine Sammlung umfasst Bücher zur europäischen Architekturgeschichte und Architekturtheorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. Angefangen zu sammeln habe ich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre.

Wie kamen Sie dazu?

Mein damaliger Chef am Institut für Baugeschichte und Bauaufnahme der Universität Stuttgart hatte die erste Vitruv-Ausgabe von Perrault erworben und sie mir stolz gezeigt. Das war für mich eine Art Schlüsselerlebnis. Fortan wollte ich auch solche wunderbaren Bücher haben, obwohl ich sie mir seinerzeit natürlich noch nicht leisten konnte.
Angefangen habe ich mit Architekturbüchern der klassischen Moderne, die damals noch einigermaßen erschwinglich waren. Später habe ich mich dann sukzessive in ältere Epochen vorgearbeitet. Im Laufe der Jahre hat sich mein Interesse immer stärker auf die Architekturtheorie fokussiert. Ich besitze auch einige sehr schöne historische Stadtveduten und alte Stadtpläne, unter anderem einen von Piranesi gestochenen Nolli-Plan von Rom. Aber dekorative alte Graphik interessiert mich eigentlich weniger.

Können Sie sich noch an den Erstling erinnern?

An den ersten Erwerb erinnere ich mich noch sehr genau. Es war eine spottbillige, sehr gut erhaltene Monographie über den Architekten Otto Rudolf Salvisberg, erschienen in der vom Hübsch-Verlag herausgegebenen Reihe „Neue Werkkunst“. Ich erinnere mich deshalb noch häufig daran, weil ich diesen Band seinerzeit so hässlich fand, dass ich ihn umgehend weiter verkauft habe. Erst vor drei Jahren habe ich ihn dann für ein Vielfaches des damaligen Preises reumütig zum zweiten Mal erstanden und ihn als wunderschön empfunden.
Jeder von uns hat im Laufe seines Sammlerlebens natürlich ganz besondere Erlebnisse gehabt, darunter vor allem solche, die mit Herzklopfen verbunden sind. So zum Beispiel als ich vor eine Reihe von Jahren über das Internet eher zufällig an einen jungen Holländer geraten bin, der beruflich überhaupt nichts mit Architektur oder Städtebau zu tun hatte, gleichwohl aber über eine äußerst hochkarätige Architekturbuchsammlung verfügte, die er auflösen wollte. Er schickte mir eine Liste seiner Titel. Die von ihm verlangen Preise waren derartig günstig, dass ich anfänglich sogar ganz kurz an betrügerische Absichten dachte. Doch dann tauchte der „fliegende Holländer“ tatsächlich gleich mehrfach bei mir Zuhause auf mit großen Rollkoffern, um seine Schätze vor mir auszubreiten. Es waren allesamt vorzüglich erhaltene, sehr seltene Ausgaben, handsigniert von Frank Lloyd Wright, Hendrik Petrus Berlage und anderen Größen der modernen Architektur. Aber auch seltene Orginaldokumente des japanischen Metabolismus sowie der italienischen Architettura Radicale hatte er im Angebot. Ich habe ihm schließlich 22 Bücher abgekauft, und das wohlgemerkt zu einem Preis, für den ich bei serösen Architekturantiquariaten allenfalls ein bis zwei Bücher des gleichen Genres erhalten hätte.
Schöne Erlebnisse waren aber auch immer dann mit dem Erwerb von Büchern verknüpft, wenn ich bestimmte Titel bekannten Sammlern auf Antiquariatsmessen vor der Nase wegschnappen konnte. Man muss dazu wissen, dass die Community (wie man neudeutsch sagt) von Architekturbuchsammlern relativ überschaubar ist. Soll heißen, man kennt sich gegenseitig zumindest vom Sehen her. Aber selbst bei denen, die ich besser kannte oder kenne, wie etwa bei O.M. Ungers, J.P. Kleihues, H. Kollhoff oder W. Oechslin, ist es mir ab und zu gelungen, vor ihnen sehr gesuchte Titel zu ergattern. Besonders als die Antiquariate J. Holstein und B. Schöningh noch existierten, war dies häufiger der Fall.

Was würden Sie jungen Sammlern an die Hand geben?

Wichtig ist natürlich immer der Erhaltungszustand, aber auch die optisch-haptische Anmutung. Das Schönste beim Sammeln ist nämlich das Auspacken eines frisch erworbenen bzw. ersteigerten alten Buches, das Berühren des Papieres, das Einatmen der unverwechselbaren Gerüche. Am intensivsten und zauberhaftesten ist dies alles bei gut erhaltenen Zimelien aus der Zeit der Renaissance.
Wunderbar sind natürlich auch die Widmungsexemplare. Ich besitze welche von Semper, Wright, Berlage, Oud, Loos, Le Corbusier, Venturi, Koolhaas, Hadid und viele andere mehr. Ebenso schön sind signierte Exemplare von Kollegen, vor allem dann, wenn sie in der jeweiligen Buchbeschreibung gar nicht erwähnt waren. Es ist ein gutes Gefühl, Bücher aus dem privaten Besitz von Gustav Adolf Platz, Aby Warburg, Bruno Taut, Henry-Russell Hithcock, Reyner Banham oder Aldo Rossi in den Händen zu halten.
Ärgerlich wird es immer dann, wenn Beschreibung und Zustand nicht übereinstimmen. Das ist vor allem bei Interneteinkäufen häufiger der Fall. Aber um das Internet oder die Internetversteigerungen mit all ihren Vor- und Nachteilen kommt heute ja kein Sammler mehr herum.
Ärgerlich - wenngleich verständlich - ist dabei auch die Internet-Konkurrenz der professionellen Antiquare zu uns Sammlern. So erlebe ich es fast wöchentlich, dass ein bekannter Architekturantiquar mir diesen oder jenen seltenen Architekturtitel in einer Versteigerung zum Schnäppchenpreis vor der Nase weg kauft. Einige Wochen später tauchen dann die gleichen Titel, die man an den jeweiligen Beschreibungen meist sehr leicht wiedererkennen kann, zu horrenden Preisen in den einschlägigen Katalogen auf. Dabei wäre es doch sehr angebracht, wenn die Händler die günstigen Einkaufspreise per Internet an uns Stammkunden weitergeben könnten. Tun sie aber nicht.

Haben Sie ein Glanzstück?

Ich hänge so sehr an meiner Sammlung, dass ich keinen Titel hergeben würde. Als vor zwei Jahren in meinem alten Bauernhaus ein Feuer ausbrach, da habe ich gar nicht gewusst, welchen Titel ich zuerst retten sollte. Gottseidank ist meine Bibliothek dann aber doch vom Feuer und Löschwasser verschont worden. Aber natürlich gibt es Sammlungs-Highlights, wie meine kleine Sammlung von Vitruv- und Serlio-Ausgaben, Schinkels Lebenswerk in zwei Foliobänden oder Garniers eindrucksvolles Mappenwerk seiner Cité Industrielle.

Sammeln Sie auf Vollständigkeit?

Vollständigkeit ist ein Herzenswunsch aller Sammler, aber sehr schwer zu erreichen. In Teilgebieten ist sie zu schaffen, aber nicht in allen angestrebten Bereichen. Wichtig ist für mich, Schlüsselwerke der Architekturgeschichte und der Architekturtheorie der jeweiligen Epoche in meiner Sammlung zu haben. Dafür verzichte ich finanziell auf viele andere Dinge.
Ich informiere mich über alle zur Verfügung stehenden Institutionen und Medien, Auktionshäuser, Auktionsergebnisse, Internet, Antiquariatskataloge, Onlinekataloge, Sammlerjournale, Antiquariatsmessen, Büchermärkte und Antiquariatsgespräche.
Ich kaufe auch sehr viel auf Messen, viel in Antiquariaten, viel per ZVAB und einiges per Internet.

Verkaufen Sie manchmal auch etwas?

Bei dem, was ich verkaufe, handelt es sich ausschließlich um Doubletten. Diese entstehen dadurch, dass ich jüngere Bücher mit wertvollen Schutzumschlägen erwerben kann, die ich bereits besitze, jedoch ohne Umschläge. Als Sammler-Greenhorn habe ich Schutzumschläge früher sogar weggeworfen. Oder ich kann bei älteren Büchern besser erhaltene Exemplare als bereits vorhandene erwerben. Aber Verkauf und Tausch sind sehr schwierig. Manchmal gelingt es, mir Doubletten beim Kauf anrechnen zu lassen. Aber das Internet hat den Handel bzw. den Verkauf oder den Tausch mit Titeln im mittleren Preissegment sehr schwierig bis unmöglich gemacht.

Mit wem tauschen Sie sich aus?

Der inhaltliche Austausch wird existentiell um so wichtiger, je größer die Sammlung ist. Ich pflege enge Kontakte, weniger zu anderen Sammlern, als zu ausgewählten Antiquaren und Bibliophilen, deren Rat ich sehr schätze.

Wie ordnen Sie Ihre Sammlung?

Das ist bislang der wunde Punkt meiner großen Sammlung: es gibt so gut wie keine Katalogisierung. Ich habe zwar eine grobe chronologische Ordnung in meinen Regalen, aber zur lange geplanten Computer-Auflistung habe ich mich bislang noch nicht aufraffen können. Diese ist aber dringend erforderlich, da ich die Sammlung gerne stiften möchte, damit sie nach meinem Tode nicht in alle Winde zerstreut wird, wie ich es im Falle anderer Sammlungen nur allzu oft erlebt habe. Und trotz eines sehr großen Hauses mit einem großem Bibliotheksbereich stößt die ständig wachsende Sammlung auch räumlich immer mehr an ihre Grenzen.

Und ein Blick in die Zukunft, was meinen Sie: Wird in 20 Jahren noch jemand Bücher sammeln?

So lange es noch Papier gibt, wird es auch noch Büchersammler geben. Davon bin ich fest überzeugt. Zunehmend problematisch dürfte dabei allerdings die Überalterung der Sammler werden. Es wird auch zukünftig noch Antiquariatsmessen geben, vor allem für das höherpreisige Antiquariatssegment. Messen wie die Antiquaria und andere etablierte Institutionen in Europa sind unverzichtbar, um sich die antiquarische „Hardware“ vor Ort anschauen und persönliche Fachgespräche führen zu können. Parallel hierzu dürfte jedoch das Internet nolens volens zu einem verstärkten Antiquariatssterben führen, Versandantiquariate ohne Ladengeschäft und Messepräsenz ausgenommen. Zudem dürften die E-Books das klassische Neubuch immer mehr verdrängen, wodurch sich der antiquarische Nachschub spürbar verringern würde. Das alte Papierbuch würde somit zur knappen Ware. Das Antiquariat der Zukunft müsste deshalb eine hybride Mischung aus Ladengeschäft und Online-Antiquariat sein, darüber hinaus aber auch eine Institution, die auch dem E-Book neue und innovative antiquarische Perspektiven eröffnet. Die neuen Medien zu verteufeln, halte ich für wenig produktiv. Sie sollten vielmehr gewinnbringend für alte und neue Buchformen eingesetzt werden. Aber dies ist sicher leichter gesagt als getan. Wichtigstes Ziel für alle Arten künftiger antiquarischer Aktivitäten und Perspektiven sollte aber vor allem sein, sich jüngere und jüngste Interessenten- und Sammlerschichten zu erschließen. Sollten nämlich wir Sammler aussterben, dann dürfte auch eine höchst liebenswerte verschworene Gemeinschaft professioneller Bücherweisen, Büchernarren und Bücherbesessenen ein für allemal aussterben.


Prof. Frank Rolf Werner
E-Mail: frwerner@uni-wuppertal.de
C.V. und Publikationen: siehe Wikipedia-Eintrag unter Frank R. Werner
jüngstes Buchprojekt (2013): "Todessehnsucht und Fortschrittsglaube -  Friedhöfe des 20. Jahrhunderts als Idealstädte"