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Eberhard Zwink


Eigentlich bin ich gar kein Sammler, wenigstens nicht im Privaten. Die paar Klaviernoten und Landkarten sowie die belletristischen und Fachbücher in unserer Wohnung sind den Lebensumständen angemessen. Ich habe, was meine Interessen anbelangt, bis zu meiner Pensionierung und vor den Segnungen des Internet das Prinzip verfochten, nur das an Fachbüchern anzuschaffen, was ich vor dem Frühstück und nach dem Abendessen noch dringend brauchen könnte. Denn mein berufliches Schicksal war aufs Ganze gesehen ein großes Glück. Den besten „Job der Welt“ hätte ich gehabt, so soll es mir schon entfahren sein. Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart hatte ja (beinahe) alles Nötige an Literatur, zumal an geisteswissenschaftlicher, und zudem einige weltberühmte und sonst zahllose historische Sondersammlungen. Was wollte man mehr? Und da saß ich 38 Jahre lang mitten drin. Bücher anschaffen, das ist eine der Hauptaufgaben der Fachreferenten. 10 Fächer habe ich, soweit ich mich erinnere, betreut, darunter die Theologie und Religion, Philosophie, Esoterik und die Buchgeschichte, zeitweise die Musik, früher auch die Geographie und Kartographie und manches andere mehr.

Mit der Verantwortung für das Riesenfach Theologie war auch die Verantwortung für die weltberühmte Bibelsammlung verbunden. Sie ist nicht nur zahlenmäßig (knapp 20.000 gedruckte Ausgaben von Gutenberg bis heute), sondern auch qualitativ und inhaltlich ein kaum zu überbietendes Panoptikum christlich-abendländischer Kultur und ihrer wie auch immer gearteten Auswirkungen in die Missionsländer hinein, einhergehend mit einer Überfülle an begleitender und interpretierender christlicher graphischer Kunst. Das war nicht nur eine gute Schule für die kulturgeschichtliche Weiterbildung und Vertiefung, sondern auch ein Einstieg in die Gepflogenheiten antiquarischer Bucherwerbungen, wenn es auch über viele Jahre hin einen Kollegen gab, der für das Haus die großen antiquarischen Käufe erledigte. Dass ich gerne diese Aufgabe selbst übernommen hätte, liegt auf der Hand. Allein, ich war größtenteils mit anderen Geschäften betraut. Bis sich dann personell einiges gewendet hat.

Vor etwa 10 Jahren habe ich den Bereich der Alten und Wertvollen Drucke übernommen, einige Jahre später oblag mir dann die Gesamtleitung der Historischen Sammlungen überhaupt und war damit Partner der weltweit mit der Württembergischen Landesbibliothek in Kontakt stehenden Antiquariate, besser: der Antiquare. Denn es war und ist es meistenteils – glücklicherweise – immer noch ein persönliches Geschäft zwischen Menschen, nicht so wie heute im Online-Buchhandel und auch schon im ZVAB!

Man hat also nicht nur „alte Bücher“ gekauft, sondern auf der anderen Seite ebenso begeisterte und gebildete Personen kennen und schätzen gelernt, die denselben Interessen frönten, die aber unter ganz anderen Voraussetzungen mit der Sache zu tun hatten.

Es geht – wie so oft  im Leben – auch hier ums Geld. Es gibt Sammler, die scheinen so viel davon zu haben, dass sie gar nicht darüber reden. Es gibt Journalisten, die bei spektakulären Verkäufen über nichts anderes berichten als über die erzielten Preise. Und es gibt den schlichten Beamten, der kein oder kaum Geld hat, den aber die Pflicht zwingt, seine Sammlungen adäquat zu erweitern.

Was macht er nun? Er handelt und versucht, Listenpreise zu drücken. Doch das habe ich beinahe nie getan. Ich bin der Meinung, dass wir Beamten auf unserem hohen, aber ausgemergelten Ross von einer sicheren Warte aus operieren können, die Antiquare hingegen – es gibt ja „solche und solche und ganz andere“ – darauf angewiesen sind, zu verkaufen, ihre Kosten niedrig zu halten und irgendwie über die Runden zu kommen. Gewiss, manche der Antiquare brauchen das bisschen Steuergeld nicht, das die Bibliotheken noch für ihre Angebote ausgeben können. Aber mit „solchen“ habe ich mich nicht befreundet.

Nur ein paar Mal habe ich versucht, den Preis zu drücken. Es ging da um einen ganz seltenen Musiktraktat des 16. Jahrhunderts, den wir gerne gehabt hätten, wiewohl es von diesen historischen Marksteinen der Musiktheorie schon Faksimileausgaben gibt. Der Antiquar in einer österreichischen Großstadt wollte eine erkleckliche Summe haben, die wir nicht bezahlen konnten bzw. wollten. Beim dritten Telefonanruf, als er schon zweimal nachgegeben hatte, jammerte er, jetzt gehe es an die „Schmörzgrönzö“. Er hat es überlebt.

Mit Geld und Vorteilen aber ist vielleicht noch folgende Begebenheit zu erwähnen. Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse vor ein paar Jahren hat es sich zugetragen. Damals herrschte noch das Prinzip, dass die Person, die als erste an einem Stand ein Stück aus dem gedruckten Katalog verlangt, dieses auch bekommt. Wir hatten einen Kaufauftrag für eine befreundete Bibliothek bekommen und mein geschätzter Kollege Armin Renner, der nicht nur so heißt, sondern das auch sehr gut kann, wie er heißt, war beauftragt, zwei wertvolle Stücke zu ergattern. Als er weit vorne vor allen Sportlern um die Ecke in den entsprechenden Gang einbiegt, sieht er, wie ein vorbereitetes Paket von einer aus dem Hintergrund aufgetauchten Person weggetragen wird. Es waren just die beiden Wunschstücke der befreundeten Bibliothek, die extra dafür Spenden eingeworben hatte. Ich habe mich wegen des eklatanten Regelverstoßes sofort an die Messeleitung und den VDA gewandt. Schließlich wurden die Stücke zurückgegeben, und das Ludwigsburger Prinzip des Losverfahrens wurde auch im sportlichen Stuttgart eingeführt. Das ist gerechter, aber „doch ziemlich langweilig“, wie eine meiner Kolleginnen im folgenden Jahr der Neuregelung bemerkte.

Es wurde schon angedeutet: Ich habe unter den Antiquaren auch dienstliche und sogar einen persönlichen Freund gewonnen. „Vetterleswirtschaft“ wird nun jemand vermuten. Weit gefehlt! Diejenigen, die ich näher kannte und kenne, vertreten als Schwerpunkt die sog. Württembergica, von denen die Württembergische Landesbibliothek entweder „schon alles“ und teilweise mehrfach hat, oder sie hat es nicht – z. B. bei Gelegenheitsschriften oder Handschriften, dann muss sie das Angebotene unter allen Umständen, unter Zähnknirschen und unter dem Tränenstrom haushaltstechnischer Umschichtungen oder schlicht durch Erbetteln von Drittmitteln erwerben, ob der Antiquar X oder Y heißt.

Und damit sind wir bei den Inhalten. Was habe ich als antiquarischer Büchersammler im Dienst der Württembergischen Landesbibliothek erwerben müssen und können? Natürlich gedruckte Bibeln aller Art und aller Preislagen. Die Sammlung ist, je älter die Drucke sind, umso vollständiger. Bis auf ganz wenige Ausnahmen besitzt sie alle Bibelinkunabeln, nahezu alle Drucke des 16. Jahrhunderts etc. Da muss man oft viele Seiten eines Antiquariatskatalogs durchgehen, bis mal wieder eine Lücke kommt. Hier liegen die Bedürfnisse im 18. Jahrhundert und später. Meinen Studierenden an der Hochschule der Medien, die ich weiterhin über „Historische Bestände“ belehre, sage ich nicht nur einmal: Wo viel ist, muss viel hin; je dichter eine Sammlung, umso mehr besteht die Verpflichtung, sie zur Vollständigkeit zu führen. Das gilt in der Württembergische Landesbibliothek für die Bibeln und – es wird gerne übersehen – auch für die Tanz- und Ballettsammlung, die in Europa einmalig ist.

Umgekehrt muss man vor der „leeren Vollständigkeit“ (O-Ton eines früheren Kollegen) warnen. Es gibt gerade in den Bereichen der Massenproduktion, etwa bei Bibeln und Gesangbüchern, Schulbüchern etc. Exemplare, die – oft ohne Jahreszahl – nichts Neues bringen.

Die Württembergische Landesbibliothek besitzt mit über 7.100 Exemplaren auch die zweitgrößte Inkunabelsammlung in Deutschland und die siebtgrößte in der Welt. Von den bekannten ca. 27.500 Titeln der Zeit zwischen Gutenberg und 1500 sind aber nur ca. 5.000 vorhanden. Da ist angestrebte Vollständigkeit der Titel sinnlos, und man muss andere Kriterien suchen, z.B. den Bezug zum deutschen Südwesten oder Norditalien, wo ein dichterer Bestand vorherrscht. Nahezu vollständig sind z. B. die zeitgenössischen Inkunabeln des Florentiner Bußpredigers Girolamo Savonarola in der Bibliothek. Heute sind die exemplarspezifischen Merkmale interessanter, wie Einband oder Provenienz.

Oder man schaut nach Friedrich Hölderlin. Doch der ist, was Druckwerke anbelangt, in dem einmaligen Hölderlin-Archiv vollständig vertreten. Neuerdings konnte man zwei Stammbücher mit Widmungseinträgen des außergewöhnlichsten aller schwäbischen Dichter erwerben.

Die Württembergica allgemein habe ich schon genannt, also Entstehungs- bzw. Druck- und Verlagsorte in Württemberg,  Personen aus dem Lande, die mit dem Stück in Verbindung stehen, sei es als Verfasser, Drucker, Illustrator oder auch als Provenienzgeber.

Und da müsste man schon aufhören, da sonst auch in besten Zeiten das Geld nicht ausreicht und man nur für hochkarätige Stücke auf die Drittmittel der Kulturstiftungen hoffen kann.

Jammern gehört zum Geschäft. Aber eines muss man über unser Land doch noch positiv erwähnen. Seit Jahrzehnten erhält die Württembergische Landesbibliothek aus dem sog. Zentralfonds“, der sich aus Toto- und Lottomitteln speist, eine nennenswerte Summe, die immerhin ausreicht, bei den beiden Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg ein bisschen einzukaufen und ggf. im Jahreslauf noch etwas Größeres anzuschaffen. Das sollte jede Regierung beibehalten.

Geht das so weiter mit den gedruckten Büchern auf Papier? Sind sie noch zeitgemäß in ein paar Jahren? Festtagsreden auf Buchmessen und bei Preisverleihungen beschwören naturgemäß das Überdauern des papierenen Buches gegen E-Books und Google. Wer weiß es? Allmähliche Auflösungserscheinungen wird es geben.

Das war mir schon vor 10 Jahren klar, weshalb ich mich gerne entschlossen habe, neben meinen Fachreferaten das antiquarische Buch zu meiner Hauptaufgabe zu machen, wonach sich bald ein affektives Verhältnis entwickelte. Der historische Buchbestand, ob in einer öffentlichen oder privaten Bibliothek oder als Angebot weltweit in den Antiquariaten gehört zum Kulturgut schlechthin und kann weiterhin seiner Aufmerksamkeit und Wertschätzung gewiss sein. Und das Neue von heute wird auch mal alt. Ich sehe das zuversichtlich.


Zur Person

Dr. phil. Eberhard Zwink, geboren 12.08.1946 in Ludwigsburg, Studium der Ev. Theologie, Geographie (Staatsexamen) und Musikwissenschaft, 1973  Dissertation über Paul Hindemiths „Unterweisung im Tonsatz“) in Tübingen.

1973–2011 an der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (Bibliotheksdirektor): Zuletzt Leiter der Abteilung Historische Sammlungen, mit Schwerpunkt Alte und Wertvolle Drucke; Fachreferent für Buchgeschichte, Theologie, Philosophie, und Esoterismus; verantwortlich für die Bibelsammlung, die Swedenborg-Sammlung und das Oetinger-Archiv.

Publikationen und Vorträge über Paul Hindemith, Emanuel Swedenborg und die Swedenborgrezeption in Württemberg (bes. Gustav Werner), über Friedrich Christoph Oetinger, und David Friedrich Strauß; insbesondere über die Geschichte des Bibeldrucks (Illustrierte Bibeln, Gutenbergbibel, B 36, William Tyndale, Martin Luther) sowie über Gesangbücher.